Historische Ironie. Oder: Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?

Historische Ironie. Oder: Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?

Dora Imhof
Fondation Beyeler, 01.03.2015

Zufälle gibt’s. Aber vielleicht sind manche Koinzidenzen gar keine. Zumindest bieten sie Anlass für Überlegungen, die nicht nur die Kunst betreffen, sondern auch das Geld und den Gang der Geschichte, deren Verlauf in diesem Zusammenhang vielleicht nur als ironisch bezeichnet werden kann. Am 8. Februar 2015 eröffnete in der Fondation Beyeler die grosse Ausstellung über Paul Gauguin, die schon im Vorfeld als das «Kunstereignis des Jahres» angekündigt wurde. Der Künstler und insbesondere seine auf Tahiti und den Marquesas-Inseln entstandenen Werke sind Klassiker im musealen Ausstellungsparcours. Erst vor einigen Jahren fanden die wichtigen und umfassenden Ausstellungen Gauguin – Tahiti, l’atelier des tropiques im Musée d’Orsay in Paris und dem Museum of Fine Arts in Boston (2003/04) und Gauguin. Maker of Myth in der Tate Modern, London, und der National Gallery of Art, Washington (2010/11), statt oder – in kleinerem Format – Gauguin and Polynesia in der Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen, und dem Seattle Art Museum, Seattle (2011/12), sowie Paul Gauguin: Das grafische Werk im Kunsthaus Zürich (2012/13).
  Was kann man in einem derart gut bestellten Feld an neuen Erkenntnissen hinzufügen, wenn nicht lediglich Meisterwerke aneinandergereiht werden sollen? Die Ansage eines Grossereignisses erscheint aber trotzdem gerechtfertigt, versammelt die Ausstellung doch in wohl einmaliger Weise zentrale Werke aus wichtigen Gauguin-Beständen im Puschkin-Museum in Moskau, der Eremitage in St. Petersburg, dem Musée d’Orsay in Paris, dem Museum Folkwang in Essen usw. sowie aus zahlreichen Privatsammlungen. Sogar Gauguins Hauptwerk von 1897/98, D’où venons-nous ?  Que sommes-nous ? Où allons-nous? (Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?), durfte aus dem Museum of Fine Arts in Boston nach Riehen reisen.

Gauguin Abb. 1

Jenes symbolistische Bild also, das Gauguin nach einer existenziellen, beinahe tödlichen Krise im Dezember 1897 begonnen hatte, wie er im Februar des folgenden Jahres an seinen Freund, den Kunstsammler George-Daniel de Monfreid, der auch zum ersten Biografen des Künstlers wurde, schrieb. Ein weiterer Coup für das Museum nach der Präsentation von Gustave Courbets L’Origine du monde (1866) aus dem Musée d’Orsay, das eben noch in der Fondation Beyeler zu sehen war.
  Doch getoppt wurde das Gastspiel von Gauguins Bostoner Meisterwerk dann fast durch ein anderes Bild des Künstlers. Kurz vor dem Eröffnungswochenende wurde bekannt, dass der Kunstsammler Rudolf Staechelin und der Staechelin Family Trust die ständige Leihgabe des Bildes Nafea faa ipoipo? (Wann heiratest du?), 1892, im Kunstmuseum Basel veräussern wollten.

 

GauguinAbb. 2

 

Die New York Times meldete am 5. Februar, dass das Bild für die Summe von annähernd 300 Millionen Dollar verkauft wurde. Laut ungenannt bleiben wollender Kunsthändler soll der Käufer aus Katar stammen. In Zeitungen weltweit wurde über den Verkauf des «teuersten Gemäldes der Welt» berichtet. Der Trust wolle seine Investments diversifizieren und das aktuelle Marktumfeld sei günstig gewesen, erklärte Rudolf Staechelin, ohne dabei den Verkauf des Bildes nach Katar oder die Höhe des Verkaufspreises zu bestätigen resp. zu dementieren. Fest steht, dass das Gemälde noch während der Gauguin-Ausstellung in der Fondation Beyeler zu sehen ist, aber 2016 nicht mehr in das neu eröffnete Kunstmuseum zurückkehren wird. Was mit den anderen Leihgaben der Familie Staechelin geschieht, ist offen, jedenfalls wurde der Leihvertrag mit dem Kunstmuseum gekündigt. Das Bedauern in Basel ob des Verlusts ist natürlich gross, ebenso das allgemeine Erstaunen über die exorbitante Summe, die diskrete Sammler offenbar willens sind, für ihre Trophäen zu zahlen. Dass dieser Sammler oder diese Sammlerin tatsächlich in der königlichen Al-Thani-Familie in Katar zu finden ist, ist keineswegs gesichert, aber nicht unwahrscheinlich. 2011 soll bereits ein Gemälde aus Paul Cézannes Serie Les Joueurs de cartes (Die Kartenspieler) des griechischen Sammlers Georges Embiricos für 250 Millionen Dollar nach Katar verkauft worden sein, auch damals wahlweise mit dem Epitheton «teuerstes Kunstwerk der Welt» oder «teuerstes Bild aller Zeiten» versehen.
  Das wäre allerdings nun eine weitere Koinzidenz, ein historische allerdings. Der enorme Reichtum Katars rührt wie derjenige anderer Golfstaaten von seinen Ölvorkommen her. Der Rohstoff also, der seit dem Beginn des 20. Jahrhundert die Grundlage unserer Mobilität und eines grossen Teils der Wirtschaft bildet. Die Ökonomie und Zivilisation, vor der Gauguin Ende des 19. Jahrhunderts in die – vermeintlich unberührte – Südsee floh. So schrieb der ehemalige Versicherungs- und Börsenmakler um 1890 in einem Brief an seine dänische Frau Mette: «Möge der Tag kommen (und vielleicht bald), wo ich in die Wälder einer ozeanischen Insel flüchten werde und dort in Ekstase und Ruhe für die Kunst leben werde. Umgeben von einer neuen Familie, weit entfernt von dem europäischen Kampf um das Geld.» 1891 war es so weit. Nach einer vom Dichter Stéphane Mallarmé unterstützten Versteigerung von dreissig Gemälden am 23. Februar 1891 im Pariser Hôtel Drouot (zu den Käufern zählte auch der Maler Edgar Degas) hatte Gauguin genug Geld, um am 1. April auf seine erste Tahitireise aufzubrechen. Die Überfahrt nach Papeete sollte 69 Tage dauern.
  Doch kündigten sich an einer anderen Ecke der Welt schon grundlegende Veränderungen im Transportwesen an. Nicht nur wichtige Flugexperimente fielen in diese Zeit. 1886 liess Carl Benz das erste Auto mit Verbrennungsmotor patentieren und in den Vereinigten Staaten wurden in den 1890er-Jahren die ersten in Grossserie hergestellten Automobile wie das Oldsmobile Curved Dash der Olds Motor Works entwickelt und produziert. Dies noch bevor Henry Ford die Fliessbandtechnik in die Autoproduktion einführte und 1903 (dem Todesjahr Gauguins) die Ford Motor Company gründete, deren durstige Autotanks die Ölquellen Katars sprudeln liessen. Es ist müssig, sich vorzustellen, was der kapitalismuskritische, auch auf Tahiti und später den Marquesas-Inseln ständig von Geldnöten geplagte und die Elektrifizierung der tahitianischen Hauptstadt Papeete bedauernde Künstler gesagt hätte, wenn er gewusst hätte, welche enormen Summen hundert Jahre später für seine Werke bezahlt würden, und dass ihn die verabscheute westliche (und mittelöstliche) Zivilisation posthum auf derlei verschlungenen Wegen einholen würde.
  Das alles hat nur am Rande mit der Ausstellung in der Fondation Beyeler zu tun und schmälert deren Genuss auch nicht grundsätzlich. Bedeutende Bilder aus Gauguins Zeit in der Bretagne wie La Vision du sermon (Die Vision der Predigt), 1888, sind zu sehen.

 

GauguinAbb. 3

 

Ein Gemälde, dessen rot leuchtende Flächigkeit deutlich den Einfluss der japanischen Holzschnitte von Hokusai und Hiroshige zeigt, und eines der Werke, das an der Versteigerung vor der Abreise Gauguins verkauft wurde. Und im selben Raum nebeneinander das Autoportrait au Christ jaune (Selbstporträt mit gelbem Christus), 1890/91, und Le Christ jaune, 1889.
  Später zeigt eine Wand im grossen mittleren Saal der Fondation, der sich zum Seerosenteich öffnet, eine umwerfende Zusammenstellung von drei stummen Frauendialogen der ersten Tahitireise. Das Nafea-Bild aus der Staechelin-Sammlung wird gerahmt von Aha oe feii? (Wie! Du bist eifersüchtig?), 1892, aus dem Puschkin-Museum in Moskau und Parau api (Gibt’s was Neues?), 1892, aus den Staatlichen Kunstsammlungen, Dresden.

GauguinAbb. 4

 

GauguinAbb. 5

 

Diese wie die nachfolgenden Bilder zeigen, dass Gauguin wie kein Zweiter das Sehnsuchtspotenzial der Kunst auszuschöpfen vermochte: Das Paradies, das der Maler auf Tahiti zu finden glaubte, mochte keins mehr sein und vielleicht nie eins gewesen sein, aber die Suche danach fand hier ihre Ikonen.
  Auch die Auswahl der auf der zweiten Tahitireise auf Tahiti und Hiva Oa entstandenen späten Bilder ist berückend. Nicht nur das rätselhafte Meisterwerk Contes barbares (Barbarische Erzählungen), 1902, aus Essen, in dem Idylle und das Unheimliche zusammen kommen, insbesondere durch die Figur im Hintergrund, ein Porträt des rothaarigen verstorbenen Freundes, des niederländischen Malers Jacob Meyer de Haan, das mit den Pfoten eines Fuchses ausgestattet ist.

 

GauguinAbb. 6

 

Ebenso die Porträts wie Femme à l’éventail (Frau mit Fächer), 1902, oder die mehrfigurigen Bilder wie Rupe Rupe (Obsternte), 1899, die einen erstaunlich klassischen Gauguin zeigen, bei dem sich die in der Bretagne entwickelte Flächigkeit mit feinsten Farbschattierungen und Plastizität verbindet.

 

GauguinAbb. 7

 

Deutlich wird hier die Verarbeitung von so unterschiedlichen Einflüssen wie dem Parthenonfries und der buddhistischen indonesischen Tempelanlage von Borobudur. Und vielleicht noch stärker als in den früheren Werken wird in den schimmernden lila, rosa und goldgelben Farbnuancen sichtbar, was für ein stupender Kolorist Gauguin war.
  Kurz: Es ist eine Ausstellung, die nicht mit einer neuen Fragestellung aufwartet, aber dafür fantastische Gemälde versammelt. Gewöhnungsbedürftig, doch angesichts der erwarteten Massen nachvollziehbar ist der Abschluss der Ausstellung mit einem grossen (zweiten) Shop in den Ausstellungssälen und einem Inforaum mit neckischen interaktiven Installationen. Wobei die zusätzliche Information durchaus sinnvoll ist, legt sie in historischen Dokumenten und Selbstzeugnissen doch nicht nur einige Quellen zu Gauguins Bildern offen, sondern deutet zumindest an, wie Gauguin nicht nur die alten Mythen Tahitis faszinierten, sondern dass er in Briefen und in seinem Reisebericht Noa Noa (1897) und späteren Publikationen immer auch an seinem eigenen Mythos strickte. Doch der betörende Blütenduft der Tahitibilder mag nicht ganz vergessen lassen, wie viel Macht hier und anderswo anhand von Bildern demonstriert wird. Powerplay und Deals mit Gaben, Gegenleihgaben und (unsicheren) Dauerleihgaben, die einerseits höchst aktuell erscheinen, aber auch so archaisch wie die Riten auf jenen Südseebildern.

Paul Gauguin
8. Februar–28. Juni 2015 in der Fondation Beyeler
Baselstrasse 101, CH-4125 Riehen
http://www.fondationbeyeler.ch/

Abb. 1
Paul Gauguin, D’où venons-nous? Que sommes-nous? Où allons-nous?, 1897/98, Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?
Öl auf Leinwand, 139,1 x 374,6 cm, Museum of Fine Arts Boston, Tompkins Collection, Arthur Gordon Tompkins Fund
Foto : © 2015 Museum of Fine Arts, Boston

Abb. 2
Paul Gauguin, Nafea faaipoipo, 1892, Quand te maries-tu? Wann heiratest Du?
Öl auf Leinwand, 105 x 77,5 cm , Sammlung Rudolf Staechelin
Foto: Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler

Abb. 3
Paul Gauguin, La Vision du sermon, 1888, Die Vision der Predigt
Öl auf Leinwand, 72,2 x 91 cm, Scottish National Gallery, Edinburgh

Abb. 4
Paul Gauguin, Aha oe feii?, 1892, Eh quoi! tu es jalouse?, Wie! Du bist eifersüchtig?
Öl auf Leinwand, 66 x 89 cm, Staatliches Museum für Bildende Künste A.S. Puschkin, Moskau
Foto: © Staatliches Museum für Bildenden Künste A.S. Puschkin, Moskau

Abb. 5
Paul Gauguin, Parau api, 1892, Quelles nouvelles? Was gibt's Neues?
Öl auf Leinwand, 67 x 91 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister 
Foto: Jürgen Karpinski

Abb. 6
Paul Gauguin, Contes Barbares, 1902, Barbarische Erzählungen
Öl auf Leinwand, 131,5 x 90,5 cm, Museum Folkwang, Essen
Foto: © Museum Folkwang, Essen

Abb. 7
Paul Gauguin, Rupe Rupe, 1899, La cueillette des fruits, Obsternte
Öl auf Leinwand, 128 x 190 cm, Staatliches Museum für Bildende Künste A.S. Puschkin, Moskau
Foto: © Staatliches Museum für Bildenden Künste A.S. Puschkin, Moskau

Dora Imhof ist Kunsthistorikerin und Postdoc am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich.