Theorie im White Cube. Zwischen Extravaganza, Selbsthistorisierung und Wissenschaft

Theorie im White Cube. Zwischen Extravaganza, Selbsthistorisierung und Wissenschaft

Lucie Kolb
Kunsthalle Zürich , 10.05.2015

Kunsthalle ZürichAbb. 1

Es ist die Schlussrunde des zweitägigen Symposiums, das dem 30-jährigen Jubiläum der Kunsthalle Zürich gewidmet ist (5./7. Februar 2015). Die scheidende Direktorin Beatrix Ruf, die 2014 ans Stedelijk Museum gewechselt hat, ergreift das Mikrofon: «I’m not gonna do a wrap-up», sagt sie, ohne dies weiter auszuführen, und setzt stattdessen zu einem Plädoyer für die Kunsthalle als Institutionstyp an. Sie betont den Vorteil, die luxuriöse Situation, die darin bestehe, unterschiedlichste Ausstellungen (Einzel- und Gruppenshows, Projektausstellungen, Retrospektiven) realisieren zu können, ohne dabei auf eine Weise von BesucherInnenzahlen abhängig zu sein, wie das Museen seien. «That’s all I wanted to say.» Lachen im Publikum. Der amtierende Direktor Daniel Baumann, sichtlich irritiert: «You were supposed to ask a question!» Beatrix Ruf: «No, you!» Diese Situation auf dem Podium verweist auf eine Verunsicherung darüber, wer welche Rolle ausfüllt und aus welcher Position hier gesprochen wird. Spricht Ruf als Moderatorin eines Symposiums zur Ausstellungsgeschichte oder als langjährige Kuratorin der Kunsthalle über sich selbst?
  Symposien boomen im Kunstfeld bereits seit Längerem. Philipp Felsch schildert in einer kürzlich erschienenen Publikation,[1] wie Ende der 1980er-Jahre die «Theorie» von den Hörsälen in den White Cube abwanderte, «wo sie sich bis heute am liebsten aufhält».[2] Entsprechend bemerkt auch Isabelle Graw 1991, dass diejenigen mit der Lupe gesucht werden müssten, die 1990 «nicht wenigstens eine Einladung zu einem Symposium […] zugeschickt bekamen».[3] Dass die Kunsthalle Zürich seit 2014 eine Stelle für «Theorie und Vermittlung» unterhält, ist bezeichnend für diese Verschiebung. Theorie ist hier als kuratorische Ausdrucksform ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, einher damit geht nicht zuletzt auch eine Aneignung akademischer Formen. Das Symposium ist eine solche. Im akademischen Bereich bezeichnet der Begriff «Symposium» eine Veranstaltungsform, bei der WissenschaftlerInnen ihre Arbeiten und Erkenntnisse vorstellen und untereinander diskutieren. Symposien sind also Veranstaltungen für Fachleute. Anwesend sind in erster Linie peers und kein Publikum.
  Das ist im Fall des Kunsthalle-Symposiums anders. Zum einen wird das direkte Involviertsein der Vortragenden gegenüber der kritischen Distanz zum Gegenstand (wie sie für gewöhnlich den wissenschaftlichen Diskurs auszeichnet) bevorzugt: Eingeladen sind mehrheitlich KünstlerInnen, die über ihre eigenen Ausstellungen in der Kunsthalle sprechen. Zum anderen ist es die im akademischen Bereich meist unhinterfragte Form der Veranstaltung, der hier von den VeranstalterInnen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das Setting des Symposiums, dessen Bühne, erinnert an institutionskritische künstlerische Arbeiten, wie sie u.a. im Rahmen des «New Institutionalism» entstanden, wo mit Mitteln einer prozessualen Ästhetik die Rahmenbedingungen von Kunstproduktion thematisiert werden. Beispielhaft dafür steht etwa Apolonija Šušteršičs Arbeit für den Kunstverein München (2002). Hier wird der Eingangsbereich der Institution zu einem Café umgebaut, wo sich die BesucherInnen bei Kaffee Magazine und anderes Material ansehen können.[4] Auch das Symposium findet im Eingangsbereich der Kunsthalle statt, der Durchgang zum nächsten Ausstellungsraum ist mit einem Band abgesperrt, das einen Blick auf den Aufbau der kommenden Ausstellung von Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh und Hesam Rahmanian erlaubt. Man sieht Plastik, Leitern und teilweise noch abgedeckte Arbeiten. Eine andere Perspektive auf die Ausstellung und damit auf die Institution. Anlässlich des Jubiläums hängen an den Wänden in chronologischer Ordnung alle Poster von Ausstellungen seit deren Gründung 1985.
  Der Geburtstag der Zürcher Kunsthalle (wie es sich gehört, gab es auch eine Sahnetorte und Schaumwein) wird zum Anlass genommen, um in den Worten der OrganisatorInnen (das ist neben Beatrix Ruf und Daniel Baumann auch Julia Moritz, ihres Zeichens «Kuratorin für Theorie und Vermittlung» an der Kunsthalle) «zurück, nach vorn und quer zu schauen».[5] So beginnt das zweitägige Symposium mit einem «memory moment», wie es Beatrix Ruf nennt. Eine Podiumsdiskussion der Gründungsmitglieder der Kunsthalle und anderen ZeitzeugInnen mit dem Titel «Die Kunsthalle, der 1980er Aufbruch und wer war dabei im Restaurant Weisser Wind?». Zwischen altem und neuem Jahresprogramm wird zurückgeblickt und die eigene Institutionsgeschichte reflektiert. Am zweiten Tag wechselt die Sprache auf Englisch und auch sonst ändert sich der Ton: Nicht länger das gemeinsame Erinnern steht im Fokus, sondern die Vorstellung verschiedener Ausstellungstypen (Gruppenausstellung/Landmark-Exhibition, Einzelausstellung, Retrospektive/Restaged Exhibition und Projektausstellung) in wissenschaftlichen Vorträgen, die anschliessend in KünstlerInnengesprächen anhand von Ausstellungen der Kunsthalle Zürich exemplifiziert werden.
  Es geht nun also um «Ausstellungsgeschichte», ein Thema, das sich in den letzten zehn Jahren als Forschungsgegenstand etabliert hat. In den Curatorial Studies, der Kunstgeschichte, -vermittlung und nicht zuletzt in der Gegenwartskunst selbst.6 Mit Lucy Steeds und João Ribas, die als Kunsthistorikerin resp. Ausstellungsmacher sprechen, wurden zwei wichtige ProtagonistInnen dieses Diskurses nach Zürich eingeladen. Die anderen Vortragenden bzw. GesprächsteilnehmerInnen sind ausschliesslich Künstler: Liam Gillick spricht über seine Retrospektive in der Kunsthalle, AA Bronson, Tobias Madison und Stephan Dillemuth in Künstlergesprächen über eigene Ausstellungen, Ausstellungsbeteiligungen und besuchte Ausstellungen anderer in der Kunsthalle. Der Ton der Gespräche ist harmonisch, die InterviewpartnerInnen/OrganisatorInnen agieren strikt affirmativ als kollegiale StichwortgeberInnen. Die Künstler haben zur Ausstellung, über die sie sprechen, eine gewisse Nähe resp. waren darin involviert. Die Auswahlkriterien, so könnte man wenig überraschend vermuten, sind also Nähe und Involviertheit: Die privilegierte Sprechposition (bzgl. Deutung der Ausstellung) ist die mit der wenigsten Distanz. Es wird offenbar davon ausgegangen, dass die Aussagen der KünstlerInnen allein schon Geschichte sind. Das Symposium kann als Versuch gelesen werden, mittels einer Selbsthistorisierung einen Beitrag zur Ausstellungsgeschichte leisten zu wollen. Hier werden aber keine theoretischen oder historischen Linien des Diskurses um Ausstellungsgeschichte weiterentwickelt, Letzterer wird lediglich angerufen: Er dient der Geburtstagsfeier letztlich ebenso als geneigte Kulisse wie das institutionskritisch gestylte Setting. Die aktuelle Veranstaltung tritt zwar auf als wissenschaftliches Symposium zur Ausstellungsgeschichte, gleichzeitig ist sie aber auch ein «memory moment», eine Selbsthistorisierung der Kunsthalle, eine Geburtstagsfeier, ein «birthday extravaganza», wie es Stephan Dillemuth nennt. Das Ganze ist in einem Zwischenbereich angesiedelt, wo mit Rollen kokettiert wird, wo Regeln noch nicht endgültig fixiert sind. Das Setting des Symposiums – räumlich im Eingangsbereich der Kunsthalle, zeitlich zwischen zwei Ausstellungen angesiedelt – entspricht dieser Situation des «Dazwischen». In der damit einhergehenden Verunsicherung besteht möglicherweise aber auch eine spezifische Qualität des Kunstfeldes für die Wissensproduktion: das Zulassen und Kultivieren einer grundlegenden Unsicherheit über ihre Regeln und Formen. Theorie im Kontext der Kunst zu etablieren bedeutet wohl unweigerlich, mit der Form von Theorie zu experimentieren.

 

Abb. 1
30 Jahre Kunsthalle Zürich, 2015
© Photo: Kunsthalle Zürich

 

[1] Philipp Felsch, Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960–1990, München: C. H. Beck, 2015.

[2] Ebd., S. 198.

[3] Isabelle Graw, «Das Jahr der Symposien», in: Texte zur Kunst 2 (Frühjahr 1991), Nr. 2, S. 180.

[4] Vgl. http://www.on-curating.org/index.php/issue-21.html (15.4.2015).

[5] http://kunsthallezurich.ch/de/30-jahre-kunsthalle-z%C3%BCrich (06.05.2015).

[6] Bspw. das Handbuch Ausstellungstheorie und -praxis von ARGE schnittpunkt (2013), die Buchreihe Exhibition Histories von Afterall (seit 2010) oder das MA-Studium Exhibition Studies am Central Saint Martins in London (seit 2011).


Lucie Kolb ist Künstlerin und gegenwärtig Doc.Mobility Stipendiatin des Schweizerischen Nationalfonds.