Frankfurts Weg nach Mainhattan

Frankfurts Weg nach Mainhattan

Teresa Fankhänel
Deutsches Architekturmuseum, 19.01.2015

«… analog zu Frankfurts Mainhattan Skyline wird Downtown New York oft als Manhattan bezeichnet», schrieb der Münchner Schriftsteller Andreas Neumeister vor wenigen Jahren in seinem Buch Könnte Köln sein.[1] Was zunächst vielleicht wie eine locker sitzende Pointe des allgegenwärtigen Stadtmarketings klingt, benennt etwas, das man immer wieder hört: Frankfurt sei die amerikanischste aller europäischen Grossstädte.

Am Anfang steht oft ein Untergang

  Die Stadt am Main ist eine der wenigen in Europa, die eine einprägsame Hochhaussilhouette besitzt. Es ist erst wenige Jahrzehnte her, da war Frankfurt noch eine typische deutsche Stadt, in der der Dom die höchste Spitze hatte. Die schweren Zerstörungen des Kriegs jedoch hinterliessen vor allem in der Innenstadt wenig mehr als Schutthaufen hinter ausgebrannten Fassaden. Der Wiederaufbau unter der amerikanischen Administration hatte daher genügend Platz, um eine moderne, wenn auch immer noch kleinmassstäbliche Architektur an die Stelle der ehemaligen Altstadt zu platzieren. Dennoch, der Weg war frei für grössere und vor allem höhere Bauprojekte, die vor allem ab den 1960er-Jahren auf den innerstädtischen Brachen und dem weitflächigen Anlagenring, der im frühen 19. Jahrhundert abgetragenen Stadtbefestigung, entstanden. Auch eine ganz andere Stadt hatte bereits siebzig Jahre früher einen ähnlichen Neuanfang gewagt, nachdem sie zu einem Grossteil zerstört worden war: Chicago. Nach dem Grossen Brand im Jahr 1871 musste die komplette Innenstadt neu errichtet werden, und aufgrund der massiv gestiegenen Grundstückspreise begann auch dort der Bau in die Höhe. Unter Zuhilfenahme bautechnischer Neuerungen wie des Aufzugs, feuerfester Materialien und des Stahlskelettbaus entstand eine Architektur, die heute unter dem Namen Chicago School weltweit bekannt ist. Die Frankfurter Hochhäuser hingegen haben es nicht zu einer einheitlichen Schule gebracht. Sie sind jedoch über ihre nur zeittypischen Bezüge hinaus durch etwas anderes verbunden: ihren starken Bezug zur amerikanischen Hochhausgeschichte.                                                                                                            

Lernen von Manhattan         

  Diese enge Verknüpfung entstand einerseits durch persönliche Kontakte der Architekten. So arbeitete Otto Apel, einer der Gründer des Frankfurter Büros ABB Architekten, zeitweise mit dem wohl wichtigsten New Yorker Architekturbüro für Hochhausbauten der 1950er-Jahre zusammen – Skidmore, Owings & Merrill (SOM). Gleichzeitig wurden immer wieder «Studienreisen» im Vorfeld grösserer Bürohausplanungen unternommen, bei denen sich Bauherren und Designer von ihren amerikanischen Kollegen beraten liessen. Dies ging so weit, dass die Entscheidung für das Thyssen-Haus in Düsseldorf, ein Dreischeibenhaus des Büros HPP, der Legende nach aufgrund einer Empfehlung Gordon Bunshafts, des Chef-Designers von SOM, im Dezember 1956 in New York getroffen wurde. Ähnliche Reisen sind auch für ABB oder den Frankfurter Architekten Richard Heil überliefert. Der Adaption von Vorbildern steht der direkte «Import» amerikanischer Architektur gegenüber, wie in den 1980er-Jahren mit dem Messeturm geschehen. Von einem deutschen Auswanderer entworfen, wurde der postmoderne Entwurf des Chicagoer Büros Murphy/Jahn von dem amerikanischen Investor Tishman Speyer gebaut. Derartige Übertragungen waren jedoch nicht immer problemlos. Die Anordnung der Treppenhäuser, in den USA innenliegend, sollte nach deutscher Bauvorschrift aussenliegend sein und konnte erst nach Erteilung einer Ausnahmeregelung realisiert werden.

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Auch in jüngerer Zeit sind die Beziehungen eng, und sie reichen sogar weit zurück in die Vergangenheit. Der 2001 eröffnete Main-Plaza-Turm des Architekten Hans Kollhoff ist ein starkes Zitat des Radiator Buildings von Raymond Hood (1924), eines der Meisterwerke des New Yorker Art-Déco-Booms der 1920er-Jahre. Eine ähnliche Faszination für diese Zeit scheinen aktuell auch die Frankfurter Architekten Meixner Schlüter Wendt zu haben, die in ihrer Architekturvision «Himmel über Frankfurt» die Fantasien von New Yorker Architekten wie Harvey Wiley Corbett modernisieren.

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Undelirious Frankfurt?

  Im Gegensatz zur expansiven Hochhauslandschaft Manhattans aber sind die Hochhäuser in Frankfurt zumeist auf kleinere Cluster begrenzt. Es ist die ausserordentliche Verdichtung, nicht die einzelnen Gebäude, die das Eindrückliche der Frankfurter Skyline ausmacht. Entgegen dem Koolhaas’schen Manifest für New York, das jedem Rastergrundstück der Stadt totale Baufreiheit und Individualität versprach, ist Frankfurt das Ergebnis eines mehr oder minder erfolgreichen Planungswillens seitens der Stadt und der Investoren. Wie oft am Ende aber auch hier von Bebauungsplänen, zum Guten wie zum Schlechten, abgewichen wurde, lässt sich an der heutigen Stadt nur schwer ablesen. Die Häuserkämpfe der späten 1960er- und 1970er-Jahre sind vorbei, wie auch die Ablehnung der Hochhäuser generell. Die gewandelte Identität der Stadt drückt sich nicht zuletzt in einem visuellen Kommentar des Künstlers Zoltán László aus. Nicht die bald neu gebaute Frankfurter Altstadt prägt das aktuelle Bild der Stadt, sondern die Hochhäuser. Im Gegensatz zu anderen kriegszerstörten deutschen Grossstädten, wie beispielsweise Dresden, ist es Frankfurt durch den weitschweifenden Blick über den Atlantik gelungen, eine eigene, neue und moderne Identität zu schaffen.

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Der Blick auf Mainhattan

  Eine Frankfurter Ausstellung widmet sich nun diesem spannenden Thema. Nicht nur für Kenner der Stadt interessant, zeigt sie allgemeingültige Probleme der Stadtplanung im Fadenkreuz von Investoren, international tätigen Firmen und Lokalpolitik. Sie zeigt, dass die Identität und das Bild einer Stadt nicht immer planbar sind und durch sich historisch verändernde Deutungen einmal positiv, einmal negativ bewertet werden. Am aufregendsten ist dabei das «Was-wäre-wenn» der unverwirklichten Entwürfe, die, wären sie gebaut worden, die Stadt und ihr Bild nachhaltig verändert hätten: das Hochhaus am Roßmarkt von Johannes Krahn (1950), der Campanile am Hauptbahnhof von JSK Architekten (1985) oder amerikanische Entwürfe wie die Commerzbank von Mies van der Rohe (1968) bzw. Charles Moores Kopie der Spitze des Chrysler Buildings für den Römerberg (1980). Das Deutsche Architekturmuseum scheint ein idealer Ort für eine solche Ausstellung, nicht nur weil sein Architekt Oswald Mathias Ungers auch einer der regen Frankfurter Hochhausplaner war, sondern weil das Museum selbst den Blick auf die Frankfurter Hochhäuser konstruiert: Zusätzlich zur Ausstellung hat der Besucher im obersten Stockwerk die Gelegenheit, aus den quadratischen Ungers-Fenstern einen Blick auf das Bankenviertel zu werfen: Perfekt gerahmt, konstruiert er das Bild von Mainhattan.

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HIMMELSTÜRMEND - Hochhausstadt Frankfurt
8. November 2014 bis 19. April 2015 im Deutschen Architekturmuseum
Schaumainkai 43, D-60596 Frankfurt am Main
http://www.dam-online.de

[1] Andreas Neumeister, Könnte Köln sein, Frankfurt am Main 2008, S. 119; zitiert nach: Philipp Sturm, Peter Cachola Schmal, Hochhausstadt Frankfurt. Bauten und Visionen seit 1945, München 2014, S. 16.

Abb. 1
Gute transatlantische Beziehungen: Der Frankfurter Oberbürgermeister Wolfram Brück, der Chef der Frankfurter Messe, Horstmar Stauber, und der amerikanische Investor Jerry Speyer freuen sich über das Modell des Messeturms
© Kai-Uwe Wärner, 1988

Abb. 2
Richard Rummels Zeichnung des zukünftigen New York (ca. 1912), weiterentwickelt u.a. von Harvey Wiley Corbett in den 1920er-Jahren

Abb. 3
Bild Meixner Schlüter Wendts Update des Lebens auf mehreren Ebenen für Frankfurt
© Meixner Schlüter Wendt

Abb. 4
Zoltán László, Römerspargel, 1999
© Zoltán László

Abb. 5
Blick aus Oswald Mathias Ungers Deutschem Architekturmuseum auf das Bankenviertel
© Christian Zacke