Raumgefüge. Florian Graf bei Grieder Contemporary, Zürich | Terpentin

Raumgefüge. Florian Graf bei Grieder Contemporary, Zürich

Olga Osadtschy
Grieder Contemporary, Zürich, 18.01.2016

Florian Graf Abb. 1
 

Es war ein ausstellungsreiches Jahr für Florian Graf. Auf seine Arbeiten treffe ich in der Kunsthalle Basel, bei Grieder Contemporary in Zürich und im Ausstellungsraum Schwarzwaldallee in Basel, nur um eine kleine Auswahl zu nennen. Die Strategien und Medien, die der Basler Künstler anwendet, sind vielfältig. Er filmt, fotografiert, baut Modell- oder Monumenthaftes. Die Verwirrung, Verschiebung und Verfremdung ist ein Thema, das im Œuvre Grafs immer wieder auftaucht und dabei wechselnde mediale Formen findet. Im November 2015 zeigte Grieder Contemporary in Zürich die Einzelausstellung Dwell Time. Einer der beiden Räume der Galerie wurde mit Projekten bespielt, die man im besten Sinne mimetisch nennen kann. Kunstwerken, die gesellschaftliche Systeme nachahmen, sie in der Anverwandlung aber auch verfremden. Es handelt sich um wohlmeinende Hochstapler, die virtuos von Praktiken und von Jargon Gebrauch machen und äusserst produktiv mit den gegebenen Umständen verfahren. So etwa im Fall der von Graf ins Leben gerufenen Fantastic Ground U(r) Estate Agency & Property Development. Eine fiktive Immobilienagentur, die er 2009 in einem leer stehenden Geschäft in Cumbernauld (Schottland) einrichtete. In Zürich sind die schlicht gerahmten Anzeigen für die Wohnprojekte zu sehen. Suggerieren die zwölf Annoncen von ihrer Aufmachung her einen herkömmlichen Dienstleister, verrät bereits der erste genauere Blick, dass es sich um durch und durch fantastische Projekte handelt. Zwischen architektonischer Vision und Praktikabilität klafft ein grosser Spalt: Eine enorme Seifenblase, für lediglich £ 102 im Monat zu mieten, verspricht einen tollen Ausblick aus dem gemeinschaftlichen Badezimmer sowie Laufnähe zu visionären Ideen. Auf einer anderen schwebt ein Turm vom Rest des Hauses losgerissen mitten in der Luft. Im Verlauf seiner Aktion führte Graf eine Reihe von Gesprächen mit potenziellen «Kunden» und liess die Besucher der Agentur Formulare über ihre eigenen Vorstellungen ausfüllen. Bei einem Gespräch erzählt er, dass die Inszenierung auf den ersten Blick so überzeugend war, dass vor allem Kinder den Witz hinter der professionellen Aufmachung erkannten. Die Erwachsenen, von den Äusserlichkeiten getäuscht, eilten zunächst vorüber.
 

Florain GrafAbb. 2
 

Im selben Raum konnte man vier Episoden aus dem umtriebigen Leben der Künstler- und Kunstfigur Olf Graphenheim sehen. Es handelt sich um ein Alter Ego von Flo Graf, das der Künstler seit Jahren in Filmprojekten pflegt. Graf/Graphenheim performiert vor der Kamera das Künstlerdasein. Besonders der Film Animistic (2014) fesselte meine Aufmerksamkeit: In den prunkvollen Räumen eines kleinen Palais macht sich Graphenheim daran, einen Baum zu malen. Nicht irgendeinen Baum, sondern den einen Baum, die Quintessenz eines Baumes, wenn man so will. Graphenheim, der in anderen Filmen Grafs als rastloser Aktionskünstler auftaucht, wendet sich in Animistic ungewohnt klassischen Techniken zu und versucht sich an der Ölmalerei. Eine künstlerische Geste wie aus dem Bilderbuch: eine Leinwand, eine Staffelei, ein schöner Blick nach draussen. Nicht ganz plein air, denn der Künstler schaut meist nach draussen, in die Natur, ohne ihr zu nahe zu treten. Manchmal verschafft sich die Natur jedoch unverhofft Zugang zum relativ hermetisch wirkenden Universum Graphenheims: Ein Rabe taucht im Zimmer auf, ein Specht macht sich an der Leinwand zu schaffen … nicht etwa an einer täuschend echten Darstellung eines Baumes, sondern am Holzrahmen der immer noch leeren Leinwand. Die filmische Inszenierung nimmt die Persona des Künstlers in den Blick, ironisiert sein Handeln und bleibt doch sehr nah dran an der Sprache, den Funktionsweisen und Logiken des Kunstbetriebs. In einem Gespräch weist Graf mich darauf hin, dass ich das Ganze vorschnell als Satire verstehe. In der Tat, so oder so ähnlich könnten die Szenen aus dem Film sich auch tatsächlich abspielen. Ein über die Masse idealisierter Arbeitsprozess, eine geradezu ehrfürchtige Assistentin, ein Galerist am Telefon, dem man ein fertiges Werk vorgaukelt, wo doch der horror vacui der weissen Leinwand nie überwunden wurde. Durch die Filme verleiht Florian Graf seinem Alter Ego Graphenheim Substanz: Beide Künstler agieren in der gleichen Welt.
 

Florain GrafAbb. 3
 

Erstaunt stelle ich fest, dass ich weiss, wo der Film Animistic gedreht wurde: Die prächtigen Räume, in denen Graphenheim mit seiner Schaffenskrise hadert, befinden sich im Wenkenhof, einem barocken Gut in der Nähe von Basel. Dort feierte Graf im Mai 2015 die Verleihung des Kulturförderpreises der Alexander-Clavel-Stiftung und enthüllte die für den Wenkenhof geschaffene Plastik Moon Cage. Auf einer strengen Betonsäule steht ein leerer goldener Käfig. Über ihm kreisen zwei Spiegel an einer Metallstruktur, die an abstrahierte Äste erinnert. Fragmente des Gartens und des Palais werden genau so eingefangen wie das Licht. Damals hätte ich gerne David Blaine gespielt und als Stylit Platz im Käfig eingenommen. Was folgte, ist jedoch besser: Im Festsaal des Wenkenhofs wartet ein barockes Schaubuffet. Sinnlicher Überfluss, als ob sich ein Stillleben Jan Davidsz. de Heems mitten im Raum materialisiert hätte. Begeistert greift ein Gast neben mir zum Beil, um einen Schweinskopf zu spalten. Andere machen Selfies von sich mit im Ganzen gekochten Möhren mitsamt grünem Stengel. Euphorie und Albernheit. Im Garten spielen maskierte Komplizen Grafs Federball, später wird getanzt.
 

Florain GrafAbb. 4
 

Es ist derselbe Raum, der als Kulisse für Animistic dient. Der das Gut umgebende Französische Garten ist ein Produkt herrschaftlicher Zugriffe von (Garten-)Künstlern und Landschaftsarchitekten. Es will Graphenheim trotzdem nicht gelingen, ihn bildnerisch zu bannen, weil sich sein Blick zu gern in rauschenden Baumwipfeln verliert. Dem Künstler Graf hingegen gelingt zweierlei: Der barocke Rahmen und die Tradition höfischer Feste wird für zeitgenössische Formen der Inszenierung aktualisiert. Für den Festakt wurde das gesamte Preisgeld verprasst. Auch das wäre ganz im Sinne eines barocken Fürsten gewesen. In seinem Buch Was ist Barock? weist Erwin Panofsky darauf hin, dass Menschen im barocken Garten als Staffage auftauchen, um die strengen Achsen und Perspektiven des Gartens zu betonen.[1] Nützliche Elemente einer übergeordneten Ästhetik. Zwar sind die Festgäste an diesem Abend keinesfalls Beiwerk. Doch kommt man nicht umhin, sich bereits als ein Teil eines weiteren Projekts von Florian Graf zu fühlen. Unweigerlich vollführt man ein ähnliches Manöver, wie er es selbst so oft vorführt: einen Ort bewohnen, in Besitz nehmen, umformen und so Räume für Kunst schaffen.

Der zweite Teil von Dwell Time spiegelt den Titel der Ausstellung wider. Denn dwell time, Verweildauer, hat im Englischen eine technische Bedeutung. Es bezeichnet die Dauer, in der Elemente in einem bestimmten Zustand verharren. Für Grieder Contemporary schuf Graf drei House Fountains. Die grün glasierten Keramikfontänen changieren zwischen organischer und architektonischer Form und erwecken zugleich den Eindruck, Modelle für bizarre Architekturgebilde oder weitaus grössere Arbeiten zu sein, wie etwa die Skulpturen für Chamber Music in der Kunst Halle Sankt Gallen (2015). Die Verweildauer des Wassers ist gering: Es verdampft, und das Wasser in den Fontänen-Häusern muss ständig nachgefüllt werden. Die Mitarbeiter der Galerie sind also gezwungen, in eine recht pragmatische Beziehung zu dem Kunstwerk zu treten, während ich als Besucherin das leise Rauschen geniesse und über den an den Feng-Shui-Wahnsinn der 2000er-Jahre erinnernden Moment schmunzeln muss.
 

Florian GrafAbb. 5
 

Florain GrafAbb. 6

 

Florian Graf, Dwell Time
30. October - 28. November 2015 bei Grieder Contemporary, Limmatstrasse 256, CH-8005 Zurich
www.grieder-contemporary.com


Abb. 1
Florian Graf, U(r) Agency, 2009, Cumbernauld Hit 2009

Abb. 2
Florian Graf, U(r) Agency, fine art print on paper, 31.1 x 22.4 cm, 2009–2015, Grieder Contemporary Zürich

Abb. 3
Florian Graf, Animistic, HD video, 16:9, colour, stereo sound, 2015, Grieder Conteporary Zürich

Abb. 4
Florian Graf, Moon Cage, Beton, Messing, Stahl, Spiegel, Farbe, 2015, Foto Barbara Kern, Wenkenhof Riehen

Abb. 5
Florian Graf, Dwell Time, installation view, 2015, Grieder Contemporary

Abb. 6
Florian Graf, Si (Horse), 180 x 108 x 108 cm, Chromstahl, Sockel variabel, 2015, Foto: Rodolfo Ernst, Kunst Halle Sankt Gallen

 

Olga Osadtschy hat in Weimar, Berlin und Siena Kulturwissenschaft und Kunstgeschichte studiert und promoviert derzeit am eikones NFS Bildkritik in Basel.

 


[1] Erwin Panofsky, Was ist Barock?, Berlin 2005, S. 51ff.