Terpentin

An einem dunklen Ort. Teresa Margolles. La búsqueda

Dora Imhof
Migros Museum für Gegenwartskunst, 03.08.2014

Seit den frühen 1990er-Jahren beschäftigt sich Teresa Margolles mit der Darstellung des Todes. Das lässt sich aus der Biografie der 1963 in Culiacán im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa geborenen und heute in Mexiko-Stadt lebenden Künstlerin begründen, die nach ihrem Kunststudium auch eine Ausbildung als forensische Präparatorin absolvierte und häufig in gerichtsmedizinischen Instituten gearbeitet hat. Dort gibt es viel zu tun. Durch die Drogenkriege und politisches Versagen hat Mexiko eine sehr hohe Rate an Morden (laut einem UNO-Bericht 21,5 pro 100’000 Einwohner im Jahr 2012). Auch in Margolles’ Arbeit stehen mehrheitlich Menschen im Zentrum, oft vom Rande der Gesellschaft, die gewaltsam umkamen und auch im Tod anonym bleiben.
  Das wäre an sich schon viel Brisanz und Stoff für weitreichende Fragen: Was kann Kunst in diesem Kontext und in einer von Gewalt geprägten Gesellschaft ausrichten? Und wie lassen sich diese Erfahrungen überhaupt in einen Kunstkontext transferieren? Noch grundlegender wird es, wenn man Margolles’ Schaffen in einem breiteren kunsttheoretischen und kulturwissenschaftlichen Kontext betrachtet. 2007 konstatierten Thomas Macho und Kristin Marek eine neue Sichtbarkeit des Todes.[1] Wichtig für ihre Untersuchungen war die Bildtheorie Maurice Blanchots, dessen Essay Die zwei Fassungen des Bildlichen (1951) mit der Frage beginnt: „Was aber ist das: ein Bild?“ und die Ähnlichkeit des Leichnams mit dem Bild hervorhebt. Aus einer ganz anderen Richtung kommt Susan Sontag, die in Regarding the Pain of Others die (ethische) Frage nach der Darstellbarkeit des Leidens und des –gewaltsamen – Todes stellt. Sontag argumentiert, dass Krieg, Folter und extremes Leiden unsere Vorstellungskraft übersteigen und die bildliche Darstellung des Schrecklichen uns dabei zu Voyeuren macht: „Anscheinend ist der Appetit auf Bilder, die Schmerzen leidende Leiber zeigen, fast so stark wie das Verlangen nach Bildern, auf denen nackte Leiber zu sehen sind.“[2]
Teresa Margolles hat verschiedene künstlerische Strategien entwickelt, um mit diesen Fragen und den Grenzen der Darstellbarkeit umzugehen. Es gibt dokumentarische Arbeiten, die die Arbeit im Leichenschauhaus zeigen, und eine Serie von Selbstporträts mit Leichen (Autorretratos, 1998). Margolles ist jedoch von besonders schockierenden Darstellungen weggekommen: „Wenn die Fotos vorher brutal waren – sie zeigten z.B. Leichen im Zustand der Verwesung –, versuche ich jetzt nicht mehr, das physische Grauen darzustellen, sondern eher die Stille.“[3] Bekannt geworden sind insbesondere die minimalistischen skulpturalen und installativen Arbeiten, die auf Dingen basieren, die mit Leichen in direkten physischen Kontakt kamen. Etwa 127 Fäden, mit denen die toten Körper bei der Obduktion zugenäht wurden (127 Cuerpos / 127 Körper, 2006), die durch den Ausstellungsraum gespannt werden, oder Wasser, mit denen die Toten gewaschen wurden, das zu Seifenblasen wird (En el Aire / In der Luft, 2003) oder in einem dunklen Raum von oben auf heisse Stahlplatten tropft (Plancha, 2010). Als indexikalische Spur verweisen sie auf den abwesenden toten Körper. Zentral ist die Berührung als Abdruck auch in den Fotografien von Tüchern oder den Tüchern selbst, mit denen die Toten eingehüllt wurden und die an die vera icon, das Grabtuch der Veronika, erinnern.
  Margolles’ konsequent dem Tod und den Spuren des Leichnams gewidmetes Schaffen ist nicht unumstritten. Niklas Maak sprach anlässlich einer grossen Ausstellung im Frankfurter Museum für Moderne Kunst 2004 von einem „künstlerischen Wanderfriedhof“ und fasste zusammen: „Teresa Margolles bewegt sich an einer heiklen Grenze zu Kitsch und Grusel, und das eigentlich Erstaunliche ist, wie es ihr gelingt, auf jenem Grat nicht sofort abzustürzen.“[4] Tatsächlich kann man einigen ihrer Arbeiten ein pathetisches, spektakuläres und mitunter problematisches Inszenieren von Gruseleffekten im Ausstellungsraum vorwerfen. Dies trifft insbesondere auf extreme Arbeiten wie Lengua (2000) zu, die präparierte gepiercte Zunge eines Drogenabhängigen, der umgebracht wurde. Margolles hatte das Organ in einem Tauschhandel mit der Familie gegen die Bezahlung des Begräbnisses des jungen Mannes erworben. Man kann aber auch positiv hervorheben, dass Margolles sich nicht scheut, auf kontroverse Weise Themen aufzugreifen, die uns alle elementar angehen und sowohl intellektuelle als auch emotionale und physische Reaktionen provozieren. 
  Das trifft auch auf ihre neue Arbeit zu, die im Migros Museum für Gegenwartskunst zu sehen ist. La búsqueda (dt. Die Suche, 2014) behandelt die Mordserie in der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez, in der zwischen 1993 und 2013 über 600 meist sehr junge Frauen umgebracht wurden. Die Installation ist in einem abgedunkelten Raum zu sehen. In der Mitte des Raums steht eine Reihe von acht Glasscheiben in Metallrahmen. Auf den staubigen und verschmierten Scheiben kleben Vermisstenanzeigen, auf denen die Angaben zu verschwundenen jungen Frauen stehen.

Teresa Margolles. Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich Abb. 1

Die Poster sind alle neueren Datums, meist behördlich, einzelne scheinen auch privat zu sein, sie zeigen Fotos der Vermissten und nennen die Belohnung für ihr Auffinden. Die Schaufensterscheiben kommen aus Ladengeschäften in der Stadt. Sie zeigen die Spuren, die die Verschwundenen in der Architektur von Ciudad Juárez hinterlassen haben. Zugleich werden sie nun zu einer Todesanzeige oder erinnern an einen bildgeschmückten Grabstein und damit an die alte Funktion der Kunst als Memoria, des Gedenkens an die Toten. Wahrscheinlich gab es bereits zu der Zeit, als die Plakate aufgehängt wurden, wenig Hoffnung, dass die jungen Frauen und Mädchen noch am Leben seien; dadurch und durch das ungute Gefühl, in die Gesichter von Getöteten zu blicken, wird die Betrachtung besonders berührend. Ebenso dadurch, dass die Toten hier einen Namen haben, während sie sonst in Margolles’ Arbeiten fast immer anonym bleiben. Die Installation hat zudem eine auditive Komponente. Das Geräusch der Eisenbahn, die durch das historische Zentrum von Ciudad Juárez fährt, wurde in tiefe Frequenzen umgewandelt, und dieser Sound dringt nun durch den Ausstellungsraum und erschüttert die Glasscheiben mit den Anzeigen. Wobei durch die Geräusche nicht nur der ferne Ort evoziert wird, sondern die Erschütterung der Glasscheiben sich wohl auch auf die Besucher übertragen soll, der Soundeffekt der Züge die sonst nüchterne Installation dann doch gefährlich nahe an eine Geisterbahn rückt.
 

Teresa Margolles. Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich Abb. 2

  Die Leichen und das Grauen des gewaltsamen Todes werden in La búsqueda nicht gezeigt. Dass ihre toten Körper nicht (noch einmal) objektiviert werden, spricht für die Installation, doch kann man das Sterben der jungen Frauen in ein Kunstwerk verwandeln, das stark mit atmosphärischen Effekten operiert? Was wären alternative Möglichkeiten, damit umzugehen: Dokumentation und soziologische Analyse? Die Überforderung der Rezipienten wie in Roberto Bolaños Roman 2666 mit seiner schier endlos scheinenden Aufzählung der getöteten Frauen und der Zustände der gefundenen, oft gefolterten Leichen? Dass sie zum Nachdenken über diese Fragen anregen, ist kein geringes Verdienst von Teresa Margolles’ Arbeiten, auch wenn sie vielleicht immer auch Dokumente des Scheiterns der Repräsentation sind. Wie übrigens in anderer Weise John Baldessaris Projekt Cadaver Piece, in dem der Künstler einen Toten ausstellen wollte, was bis jetzt aus ethischen und juristischen Gründen in keiner Kunstinstitution möglich war (die Dokumentation des Projekts war unlängst in 14 Rooms zu sehen, siehe Review von Mechtild Widrich in Terpentin, 1.7.2014). Und wie schon auf Duchamps Grab steht, sind es immer die anderen, die sterben.

Teresa Margolles: La búsqueda
24. Mai – 17. August 2014 im Migros Museum für Gegenwartskunst
Limmatstrasse 270, CH-8005 Zürich
www.migrosmuseum.ch

[1] Thomas Macho, Kristin Marek (Hg.), Die neue Sichtbarkeit des Todes, München: Wilhelm Fink, 2007.

[2] Susan Sontag, Das Leiden anderer betrachten, Frankfurt/M.: Fischer, 2005, S. 50 (engl. Regarding the Pain of Others, New York: Farrar, Straus and Giroux, 2003).

[3] Teresa Margolles in Macho/Marek, wie Anm. 1, S. 315.

[4] Niklas Maak, „Die Schönen und die Leichen“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.5.2004, S. 41.

Abb. 1
Teresa Margolles, La búsqueda, 2014, Intervention mit Tonfrequenzen auf Glasscheiben, Ausstellungsansicht Migros Musuem für Gegenwartskunst
Courtesy the Artist und Galerie Peter Kilchmann, Zürich
Foto: FBM Studio

Abb. 2
Detailaufnahme aus Abb. 1

Dora Imhof ist Kunsthistorikerin und Postdoc am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich.