Terpentin

Konkreter als konkret. Josef Bauer in einer kompakten Werkschau in Graz

Florian Neuner
Kunstverein Graz, 19.06.2014

Der Modernisierungsschub, der durch neoavantgardistische Positionen wie die der Wiener Gruppe, aber auch von Autoren wie Helmut Heißenbüttel, Franz Mon oder Eugen Gomringer ausgelöst wurde, konnte in der deutschsprachigen Literatur keine nachhaltige Wirkung entfalten. Auf lange Sicht durchgesetzt hat sich vielmehr die Literatur der Gruppe 47, für die Namen wie Günter Grass, Martin Walser oder Ingeborg Bachmann stehen und die aus der »Stunde Null« im Jahre 1945 alle möglichen Konsequenzen – politische und moralische etwa – gezogen haben, bloß keine ästhetischen. Es wurde weitererzählt wie bisher, Gedichte wurden weiterhin mit Metaphern à la Gottfried Benn ausstaffiert. Während die literarische Öffentlichkeit und die Literaturwissenschaft den modernistischen Strang der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur heute weitgehend ignorieren, werden einige Protagonisten in den letzten Jahren allerdings von den Nachbardisziplinen her neu in den Blick genommen. So waren jüngst bei Aanant & Zoo in Berlin Arbeiten auf Papier von Gerhard Rühm zu sehen; der wachsende Nachruhm von Dieter Roth als Künstler hat auch seinem poetischen Werk zu neuer Aufmerksamkeit verholfen. Und der Grazer Kunstverein widmet Josef Bauer jetzt eine veritable Retrospektive.

Josef BauerAbb. 1

  Mediale Grenzüberschreitungen waren für die neoavantgardistische Literatur – sie wird manchmal mit der Konkreten Poesie identifiziert, mal ist von experimenteller Literatur die Rede, mal von Neuer Poesie – immer schon zentral. Sprache als Material zu betrachten hatte einerseits zur Folge, dass ihr lautlich-artikulatorischer Aspekt isoliert und unter quasi musikalischen Gesichtspunkten betrachtet werden konnte. Gleichzeitig wies die Akzentuierung der visuellen Gestalt der Schrift Wege in die bildende Kunst. Ausgangspunkt der sogenannten visuellen Poesie war in der Regel das weiße Blatt, eingespannt in eine Schreibmaschine. Die Ästhetik des Typoskripts gab den Rahmen der visuellen Untersuchung der Sprache vor, etwa durch die gleichmäßigen Abstände zwischen den Lettern und die Unmöglichkeit, ihre Größe zu variieren. Hinzu traten häufig Zeitungsausrisse als collagiertes Text-Material sowie die handschriftliche Signatur des Autors. Der 1934 in Oberösterreich geborene Josef Bauer freilich verließ schon früh – wir sprechen von der Mitte der 1960er-Jahre – das zweidimensionale Blatt als den ausschließlichen Schauplatz der visuellen Poesie und grenzte sich ab »von der großen mehrheit der übrigen, die von der skala der möglichen formen der visualisierung von texten auf dem papier gefangen waren«, wie Jiří Valoch anlässlich einer Ausstellung in Plzeň 2008 schrieb.
  An diesem Punkt setzt die kompakte Grazer Werkschau an, der es gelingt, mit dreißig Arbeiten aus vierzig Jahren einen facettenreichen Überblick über Bauers ideensprühende Konzeptkunst zu geben. Der prägte für seinen Ansatz in den 1960er-Jahren den Begriff »Taktile Poesie«, womit der Ansatz umrissen war, Sprache als Material in einem umfassenderen Sinne zu begreifen, als das in der damaligen Konkreten Poesie der Fall war. Konkreter als konkret sozusagen. Eugen Gomringer sprach einmal von einer »konkreten welt«, an der Bauer arbeite: Seine »Taktile Poesie« ist eine Dichtung zum Anfassen. Lettern werden als dreidimensionale Objekte in Beziehung zu menschlichen Körpern gesetzt – so die buchSTABEN, die an langen Stangen befestigt sind und mit denen der Künstler hantiert, oder in einer fotografischen Körpergalerie, in der ein Mädchen ein riesiges »K« umklammert.

            Josef Bauer Kunstverein GrazAbb. 2

»Taktile Poesie« kann aber auch in Form einer Nackenstütze auftreten oder die Grenze zur Land Art überschreiten (etwa in einer im Ibmer Moor entstandenen Fotoserie). Die Grenzen zwischen Bildhauerei, Performance oder visueller Poesie haben für Bauer ohnehin nie eine Rolle gespielt. Die in Graz gezeigte frühe Installation Gedeck für eine Person von 1969 atmet noch die sprachphilosophische Didaktik, die auch viele Arbeiten der Konkreten Poesie auszeichnet: Vor einem Tisch ist der Sessel nur durch die Buchstabenfolge »SESSEL« repräsentiert; auf der Tischplatte sind neben einem Laib Brot und einem realen Löffel die Abbildung einer Gabel und der Schriftzug »MESSER« zu sehen. Spätere Installationen, an denen Bauer teilweise über lange Zeiträume arbeitete, sind komplexer angelegt, so der Raum der Büglerin (1970–1992), der aus 13 Objekten (Wäschestücke, Bügelbrett, Rahmen usw.) besteht, die eine beziehungsreiche Konstellation bilden.
  Das große Thema Sprache und/im Raum spielt Bauer bis heute variantenreich und in einer Vielfalt von Medien durch, etwa in einer Diaserie mit Raumstudien (1968–2005). und von 2005 zeigt auf einem Tisch die drei Buchstaben »u«, »n« und »d« in Eisenlettern – wer aber meint, diese Arbeit auf einen schnellen Blick erfasst zu haben, hat noch nicht zur Kenntnis genommen, dass das »d« vier Zentimeter dicker ist als die anderen beiden Buchstaben; eine Textröhre von 1991 wiederum ist von innen mit Zeitungspapier ausgeschlagen, wie das zuweilen auch Abfalleimer sind. Der Betrachter fragt sich: Kommt es darauf an, den Text zu lesen, soll er sich in die Röhre hineinbücken? Differenziert durchbuchstabiert in Schrift und Bild hat Bauer über Jahrzehnte auch das Thema Farbe und Farbwahrnehmung, gewissermaßen an der Scharnierstelle zwischen Konkreter Poesie und Konzeptkunst, zum Beispiel mit dem Zweifarbenbild gelb (1985), einer monochrom blauen Bildtafel mit dem erhabenen, ebenfalls Ton in Ton blauen Schriftzug »gelb«, oder dem Roten Quadrat von 2003: Es handelt sich um eine quadratische Textfläche, auf der Bauer – schwarz auf weiss – die Bezeichnungen für bestimmte Rottöne präsentiert, von »kadmium-« oder »rubinrot« bis »terra pozzuoli«. Lob der Oberfläche (1987) besteht aus vier Betonröhren, deren Oberseiten grün, rot, blau bzw. gelb bemalt sind, während Farbträger (1988–1992) mit übermalten Plakatabrissen arbeitet. Eine aktuelle Arbeit zeigt pointiert Verfügbare Pinselstriche als am Boden arrangierte Abgüsse; es geht Bauer immer noch und immer wieder um das Material.
  Man muss das Werk Josef Bauers nicht von der Literatur her begreifen, wie das jahrzehntelang vorwiegend geschah – nicht zuletzt deshalb, weil Linz, Bauers Wirkungsstätte, in den 1970er- und 1980er-Jahren mit dem Kreis um Heimrad Bäcker und dessen Zeitschrift und Verlag neue texte ein Knotenpunkt für die neoavantgardistische Literatur war und weil Bauer dem legendären, 2002 aufgelösten bielefelder colloquium neue poesie angehörte. Sein zentrales Katalogbuch erschien denn auch 1977 in der edition neue texte und verortete sich mit dem Titel zeile für zeile / line by line im literarischen Diskurs. Österreichische Rezensenten der Grazer Ausstellung haben jetzt aber zu Recht auf andere Kontexte hingewiesen – etwa darauf, dass Bauer, beispielsweise mit der erwähnten Nackenstütze, schon lange vor Franz West und Erwin Wurm körperbezogene Skulpturen geschaffen hat.

Josef Bauer_Kunstverein GrazAbb. 3

Josef Bauer arbeitet seit Jahrzehnten, von der Kunstwelt zu wenig beachtet, an einer ungemein variantenreichen Verflüssigung konkreter Konzepte und Verfahren und entgeht so der Gefahr, in der aseptischen Coolness zu erstarren, die so manche »konkrete« Arbeit heute alt aussehen lässt. Die Ausstellung im Grazer Kunstverein zeigt nun eindrucksvoll, in wie viele Richtungen dieses Œuvre anschlussfähig ist.

Josef Bauer: Werke 1965–Heute
7. Dezember 2013 – 23. Februar 2014 im Grazer Kunstverein, Palais Trauttmansdorff, Burggasse 4, A-8010 Graz
www.grazerkunstverein.org

Abb. 1
Josef Bauer
‘Tatort’, 1966, (Foto, 30 x 23,5 cm)
Courtesy der Künstler

Abb. 2
Josef Bauer
‘Körpergalerie’, 1974, (Foto, 15,3 x 24 cm)
Courtesy der Künstler

Abb. 3
Josef Bauer
‘Taktile Poesie, Nackenstütze’, 1967, (Foto, 20,3 x 30,5 cm)
Courtesy der Künstler

Florian Neuner ist Schriftsteller und Journalist. Seit 2011 gibt er die Zeitschrift IDIOME. Hefte für Neue Prosa im Klever Verlag heraus.