Terpentin

Projektionen – Heimo Zobernig bei Nicolas Krupp Contemporary Art

Arthur Fink
Nicolas Krupp Contemporary Art, 29.09.2014

Die vierte Ausstellung des österreichischen Künstlers Heimo Zobernig (*1958 in Mauthen, Kärnten) in der Galerie Nicolas Krupp zeigt Arbeiten aus einer geschlossenen Werkreihe:

Zobernig_Krupp_BaselAbb. 1


Betritt man die Ausstellungsräume, sieht man vorerst alles in weiss – an den Wänden hängen neun monochrom weiss bemalte Tableaus –, bis man auf eigentümliche rote, grüne und blaue Farbschimmer, die von den Seiten der einzelnen «Tafelbilder» kommen, aufmerksam wird. Bei näherer Betrachtung der Gemälde wird die Ursache dieses Farbleuchtens klar: Die Keilrahmen sind mit farbigen Polyesterstoffen bespannt, teils sind es mehrere vernähte Stoffstreifen aus den genannten drei Farben, teils nur ein unifarbenes Tuch. Die farbigen Leinwände sind mit weisser Farbe übermalt – bis auf die Seitenränder, deren grelle Farben durch das Neonlicht auf die Wände der Galerieräume reflektiert werden.

Zobernig_Krupp_BaselAbb. 2


  Die Stoffe, die hier als Malgrund zur Anwendung kommen, sind aus anderen Arbeiten Zobernigs bestens bekannt. Es sind Stoffe, die in TV- und Filmproduktionen für das sogenannte Chroma Keying benützt werden. Chroma Keying ist eine Technik, mit der Figuren vor einer monochromen Fläche abgefilmt werden (in den Farben Videoblue, Videored oder Greenbox). Das Filmen vor solchen Farbhintergründen ermöglicht das Freistellen der Figur, um sie dann vor einem beliebigen anderen Hintergrund einsetzen zu können. Die Stoffe, die bei diesen Malereien als materieller Träger verwendet wurden, sind zum Verschwinden bestimmt. Sie werden verwendet, um andere räumliche Darstellungskontexte zu ermöglichen — es sind Hintergründe, die für andere Hintergründe konzipiert wurden.
  Der weisse Farbauftrag, der das Gemälde als Gemälde konstituiert, scheint mit einer Malerwalze ausgeführt worden zu sein. Die ursprünglich verschiedenfarbigen Leinwandstoffe sind so gestrichen wie der Hintergrund der Kunstwerke in der Galerie selbst – weiss, wie die Wände des White Cubes.
  Die Chroma-Keying-Stoffe sind Träger für etwas anderes, wie dies auch für eine weisse, leere Leinwand oder für eine weisse Galeriewand gilt. Die weisse Zelle ermöglicht die Betrachtung von Kunstobjekten in einem neutralen Kontext, wo das Werk in isolierter, eigenständiger Form angeschaut werden kann. Sie funktionieren diesbezüglich ähnlich wie die Blue-, Red- oder Greenbox im filmischen Verfahren des Chroma Keyings.
  Die Tableaus in der Ausstellung sind so konzipiert, dass der Rezeptionsprozess vorbestimmt ist. Der Betrachter registriert die visuell eindeutigen Informationen so, als befinde er sich in einer Ausstellung mit abstrakten, weissen Bildern. Da die Arbeit auf der Ebene ihrer technischen Machart etwas aufweist, das zu dekodieren ihn reizt, nähert er sich ihnen. Bei dieser Annäherung werden durch das Material Fragen aufgeworfen, die einen Interpretationsprozess in Gang setzen, welcher den Betrachter zum Akteur in einer vom Künstler formulierten Choreografie werden lässt.
  Die eigentümliche Qualität der Malereien wird durch das Neonlicht und die Wandfarbe in der Galerie verstärkt, wenn nicht gar erst hervorgerufen. Der den Gemälde innewohnende visuelle Reiz nämlich ist ein prekärer, da dieser nur im mit Neonröhren ausgestatteten White Cube überhaupt sichtbar wird. Würde man diese Tafelbilder in privaten Räumen, wo die Belichtungssituation nur selten entsprechend optimiert ist, betrachten, würden die Seitenränder der Bilder nicht mehr gleichmässig oder gar nicht mehr reflektieren. Die Gefahr besteht, dass das Bild ausserhalb der Galerie seinen Nimbus verliert.
  Neben diesen aus der materiellen Beschaffenheit der Werke abgeleiteten Interpretationen drängen sich weitere Zugänge auf. So können die Bilder als Beitrag zu verschiedenen Debatten des Kunstdiskurses seit der Moderne gelesen werden, bspw. als Untersuchung des Verhältnisses zwischen Malerei und Video oder als Weiterführung der modernen Diskurse über das Tafelbild, schliesslich sind alle Bilder «weisse Quadrate». Die Arbeiten wären auch in einem Minimalismus-Diskurs anzusiedeln oder als formale Überlegung zum Verhältnis materieller Träger (Leinwand) zu Bild, da der materielle Träger das Bild erst zu einem Bild macht, das von der Wand zu unterscheiden ist. Oder als eine Problematisierung des kulturell so valorisierten Objekts Tafelbild, wenn die Bilder als reine Funktionsträger innerhalb des Galerieraums verstanden werden. Als Objekte nämlich, deren Zweck es ist, vom Besucher zu einem ästhetischen Erlebnis gemacht zu werden.
  All diese ästhetischen Debatten klingen an, aber führen nicht weit; Heimo Zobernig zitiert sie bloss und hält so dem Betrachter einen Spiegel vor. Er zeigt, wie sich dieser den Werken mittels kulturell tradierter Deutungsschlüssel nähert. Die Werke sind mit Diskursen überfrachtbar, und darin liegt ihr Potenzial. Sie sind aufsässige Provokateure, die die Mechanismen der Bedeutungsproduktion offenlegen.
  Und so wird man zum Zeuge der eigenen Zuweisungsmechanismen, wird sich beim Gang durch die Galerie der vollzogenen Projektionen gewahr, die aus der Geschichte der theoretischen und künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Format des Tableaus hervorgerufen werden.

Heimo Zobernig
Mai - Juni 2014, Nicolas Krupp Contemporary Art
Rosentalstrasse 28, CH-4058 Basel
http://www.nicolaskrupp.com/

Abb. 1
Ausstellungsansicht, 2014
Nicolas Krupp, Basel
Photos © Serge Hasenböhler

Abb. 2
Heimo Zobernig
Untitled, 2012, Acrylic on videoblue, videored, greenbox Trevira Television CS
60 x 60 cm
Nicolas Krupp, Basel
Photos © Serge Hasenböhler

Arthur Fink co-kuratiert den Ausstellungsraum HA-CIE-ND-A in Zürich.