Terpentin

Sense and Sensibility. Ross Birrell und David Harding

Dora Imhof
Kunsthalle Basel, 17.1. – 23.3.2014, 11.06.2014

Winter Line ist eine Zusammenarbeit der schottischen Künstler Ross Birrell und David Harding. Ihre Kollaboration begann 2005 mit dem Film Port Bou: 18 Fragments for Walter Benjamin, der im Jahr darauf in der Kunsthalle Basel erstmals öffentlich gezeigt wurde. In der Folge nahmen sie an weiteren Gruppenausstellungen in der Kunsthalle teil, so 2010 z.B. an Strange Comfort (Afforded by the Profession), einer Ausstellung, die in einer anderen Version im selben Jahr in Rom zu sehen war.

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Der Titel ihrer aktuellen Einzelpräsentation ist programmatisch in seiner Vielschichtigkeit. Winter Line war die englische Bezeichnung für die von der Organisation Todt erbauten deutschen Verteidigungslinien, die sich im Zweiten Weltkrieg nördlich von Neapel quer durch die italienische Halbinsel zogen. An einer von ihnen, der Gustavlinie, lagen die Stadt Cassino und das Benediktinerkloster Monte Cassino, das im Laufe der viermonatigen Schlacht um Monte Cassino zerstört wurde. Bei der Schlacht, die im Januar vor siebzig Jahren begann, führten die beteiligten polnischen Truppen einen Syrischen Braunbären mit sich, Wojtek genannt, der nach Kriegsende im Zoo von Edinburgh lebte, wo ihn der 1937 geborene David Harding als Kind noch sah (zwei lebensgroße Bären aus Polyesterharz in der Basler Ausstellung setzen dem Tier ein Denkmal). Winter Line weckt auch Assoziationen an die Winterreise Schuberts, auch weil Musik und Reisen zentrale Themen und Medien in der Ausstellung sind.

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Birrell und Harding arbeiten konzeptuell und kontextbezogen, wobei der Kontext sowohl den Entstehungs- als auch den Ausstellungsort umfasst (ihre Arbeiten jedoch wenig mit der Kontext-Kunst der 1990er-Jahre zu tun haben, weil die Zusammenhänge, die sie herstellen, idiosynkratischer und poetischer erscheinen). Dass ihre Präsentation nicht unter der schweren – und in Werktiteln wie auch im Saalführer stark betonten – Fracht der historischen, philosophischen, politischen, geografischen, literarischen, musikalischen und autobiografischen Bezüge, die sie mit sich führt, zusammen- oder auseinanderbricht, liegt daran, wie sorgfältig und souverän sie auf die Räume der Kunsthalle bezogen ist. Paradoxerweise entsteht so manchmal inmitten des Geflechts von Referenzen und Lektüreebenen und einer zudem insgesamt eher melancholischen, von Verlust, Exil und Konflikt geprägten Stimmungslage und Thematik ein Gefühl von Freiheit. Die hier realisierte Präsentation erscheint dann wie eine von verschiedenen Möglichkeitsformen einer Ausstellung.

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Der erste Saal der Ausstellung erscheint trügerisch einfach. Zwei Doppelprojektionen auf großen Leinwänden zeigen je einen Mann und eine Frau, die den kubanischen Klassiker Guantanamera interpretieren. Es ist nur scheinbar ein Duett: Der Film entstand an verschiedenen Orten, der Sänger José Andrés Ramírez wurde in Guantánamo gefilmt, die Aufnahmen der Sängerin Renee Barrios wurden in Miami gedreht. Der Text des Liedes entstammt dem Gedichtband Versos sencillos („Einfache Verse“), den der kubanische Dichter und Nationalheld José Martí in einem seiner Exile verfasst hatte. Der eingängige Song wurde ein Welthit und der Dichter sowohl für die Exilkubaner in Miami als auch die Kubaner auf der Insel zur Ikone.

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Auch Duet (2013) im zweiten Saal zeigt eine Zusammenführung von verschiedenen historischen Momenten, geografischen Orten und politischen Lagern, wobei die Bezüge komplexer erscheinen und die Konflikte unlösbar. Duet basiert auf zwei übereinandergelegten Aufnahmen von Ross Birrells Komposition Lift Me up for I Am Dying (2010), die auf die letzten Worten des mit 26 Jahren verstorbenen englischen Dichters John Keats Bezug nimmt. Anlässlich des 65. Jahrestags der Gründung Israels bzw. der palästinensischen Nakba (arabisch für „die Katastrophe“, „das Unglück“) realisierten sie eine Toninstallation vor den dunklen Gemälden in der Rothko Chapel in Houston, in der zwei in Berlin entstandene Interpretationen dieser Komposition, die sich durch ihre jeweiligen Tempi unterscheiden, durch einen israelischen Violaspieler und eine palästinensische Violaspielerin gleichzeitig dargeboten wurden. Der dabei entstandene Film changiert zwischen Utopie und Elegie: Die Möglichkeit eines Zusammenspiels, einer Versöhnung erscheint in der Musik oder durch die Musik realisierbar, doch sind der Tod und die Erinnerung an die vielen Gestorbenen ebenso präsent. Wenn in Duet die Trauer wohl die Hoffnung übertönt, wirkt eine Filmprojektion im nächsten Raum etwas optimistischer. Quartet (2012) zeigt die Aufführung von zwei Musikstücken durch mexikanische Jugendliche, Mitglieder des Orquesta Sinfónica Esperanza Azteca Ciudad Juárez, das 2009 als Reaktion auf die Morde an Frauen und die allgemeine Gewalt, die auch von Roberto Bolaño in seinem Roman 2666 beschrieben wird, gegründet wurde.

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Musik ist Element und Thema weiterer Arbeiten dieses Saals. Ein goldener Wandtext kommemoriert die Performance To Music, die im Januar 2014 am Basler Dreiländereck, wo Deutschland, Frankreich und die Schweiz aufeinandertreffen, aufgeführt wurde.  David Harding trug dabei Rilkes Gedicht „An die Musik“ vor und warf anschließend die Seiten[MW1]  des Buchs in den Rhein. Wie in den drei anderen Ausstellungssälen wird auch hier zudem die Decke bespielt. Auf den Oberlichtern der Räume liegen Folien, deren Anordnung und Farben auf Komponisten der Neuen Musik verweisen. Das lichte Arrangement in diesem Raum ist Arvo Pärt gewidmet. Ich kann mich nicht erinnern, die Decken der unteren Kunsthallenräume jemals auf diese Weise genutzt gesehen und sie so bewusst wahrgenommen zu haben. Auch die Lichtregie – von dunkel zu hell zu dunkel zu Blau zu Rot – in den Räumen ist durchgehend beeindruckend gelöst. Im selben Saal befindet sich jedoch auch die problematischste und für mich schwächste Arbeit dieser Ausstellung, The Hand of Paolo Virno (2011). Es ist nicht die einzige Reverenz an einen Philosophen, aber die expliziteste. The Fold (2014) im letzten Raum z.B. bezieht sich auf den Franzosen Gilles Deleuze. Eine mit gefaltetem schwarzem Molton bespannte Sperrholzwand verweist auf seine Schrift Die Falte. Leibniz und der Barock, funktioniert aber auch als Paravent, der einen Raum im Raum schafft, sowie als Support für die dahinterliegende 3-Kanal-Filminstallation Sonata (2013). Der Kunstharzabguss der rechten Hand Virnos steht vereinzelt auf einem weißen Sockel. Die als Pathosgeste gespreizten Finger erscheinen so wie eine Reliquie des italienischen Philosophen, als Fetisch, und als eine eher eindimensionale (oder sich mir in ihrer Komplexität oder Ironie nicht erschließende?) Umsetzung seines Denkens der immateriellen Arbeit und Virtuosität. Wobei ich als Kunsthistorikerin beim ersten Betrachten natürlich nicht an den Philosophen, sondern an Bruce Naumans Abgüsse dachte. Damit stellt sich allgemein die Frage nach der Rolle des Rezipienten (eingeschlossen die Kritikerin) in dieser Ausstellung. Die Präsentation Birrells und Hardings beeindruckt durch die Vielzahl der Bezüge und Modi ihrer Verknüpfungen, von denen in einer Ausstellungsbesprechung, will sie nicht zur reinen Auf- und Nacherzählung werden, nur ein Bruchteil erwähnt werden kann. Die in Titel und Texten angedeuteten oder explizierten Referenzen legen die konzeptuellen und kontextuellen Voraussetzungen der Künstler offen und geben zugleich Interpretationsschneisen vor, vielleicht auf die Gefahr hin, dass die entstandenen Arbeiten dann zu stark als Illustrationen verstanden oder ausschließlich auf einer vorgespurten Linie gelesen werden. Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob hier „Werk“, „Referenz“ und „Kontext“ überhaupt trennbar sind oder diese Unterscheidung nicht obsolet ist, da jede Äußerung Teil eines erweiterten, post-medialen Feldes ist.

Dora Imhof

Die Biografie der Künstler legt dies nahe, Harding war Begründer und Leiter des Environmental Art Department der Glasgow School of Art, wo Birrell, der nun am dortigen Forum for Critical Inquiry unterrichtet, sein Schüler war. Bei dieser schweren Ladung an Theorie war ich trotzdem froh über die Musik in zahlreichen der Filme als eine „Sprache, wo Sprachen enden“, als „Herzraum“: eine Musik, die, auch wenn sie eine politische Komponente hat, eine höchst emotionale Dimension anspricht, sich nicht auf den Begriff bringen lässt und damit etwas Widerständiges vermittelt. Hier zeigt sich die eigentliche Stärke der Ausstellung: dass sie, durch die Musik, durch den Raumbezug, durch die Farbe etc. zugleich sinnlich und emotional und kontextuell und intellektuell ist. Froh war ich aber auch, als ich beim zweiten Besuch der Ausstellung in einer Ecke des großen hinteren Saals zwischen Ursus Arctos Syriacus 2, den beiden Syrischen Braunbären, und dem Notausgangschild eine Packung Zigaretten der Marke Parisienne liegen sah. Nach kurzer Überlegung, ob es sich um ein weiteres Werk handle, nahm ich an, dass sie vermutlich einem Besucher oder Kunsthallenmitarbeiter aus der Tasche gerutscht war. Trotzdem: Zwei Zigaretten waren rausgefallen, lagen auf dem Boden, bezogen sich aufeinander, aber auch auf die Multitude ihrer Kollegen, die noch in der zerknautschten Packung waren. Was das wohl bedeuten mag?

Dora Imhof ist Kunsthistorikerin und Postdoc am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich.
Ross Birrell and David Harding, Winter Line, 17. Januar – 23. März 2014
Fotos: Serge Hasenböhler