Terpentin

Welcome to the Pleasuredome

Dora Imhof
Art Unlimited 2015, 12.07.2015

art unlimitedAbb. 1

Welch’ passender Auftakt. Kenneth Angers ekstatische Messe, zu der sich Aphrodite, Pan, Hekate (verkörpert vom Filmemacher selbst), Lilith, Astarte (die Schriftstellerin Anaïs Nin) und andere mehr oder minder göttliche Wesen zusammenfinden, bildete nach der drehenden Betonschüssel von und mit Julius von Bismarck (Egocentric System, 2015) den delirösen Anfang der diesjährigen Art Unlimited. Inauguration of the Pleasure Dome (1954–2014), der von Aleister Crowley inspirierte Klassiker des Experimentalfilms, feierte hier seine Reinkarnation als kurze geloopte Videoinstallation. Es ist nicht die erste Adaption durch den Filmemacher, der mittlerweile an die neunzig ist. Bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren entstanden neue Versionen. Der Auftritt hier ist ein Zeichen der Expansion des Kunstmarkts, der nun auch den Undergroundfilm kolonialisiert hat oder – positiver gewendet – diesem zu einem zweiten (oder dritten) Leben verhilft.
  Die Art-Unlimited-Sektion der Art Basel wurde im Jahr 2000 ins Leben gerufen. Die riesige Halle neben der bewährten schönen 1950er-Jahre-Rundhofhalle von Hans Hofmann bietet Raum für grossformatige Installationen und Film- und Videoprojektionen, die in den klassischen Messekojen keinen Platz finden. Die Gründung der neuen Sektion war jedoch auch eine Reaktion auf die sich global verbreitenden Biennalen. Und wie fast alles in der Kunstwelt ist auch die Art Unlimited selbst in den letzten Jahren gewachsen.
  Dieses Jahr waren 74 Werke zu sehen. Das etablierte Prinzip «in Venedig sehen, in Basel kaufen» galt allerdings heuer zumindest für die Art Unlimited nicht (in der anderen Halle sah es etwas anders aus) – nicht nur, weil die Biennale-Eröffnung auf Anfang Mai vorverlegt wurde. Die Überschneidungen zwischen Venedig und Basel waren erstaunlich klein, abgesehen von einer neuen Arbeit von Helen Marten (Under blossom: Lousy elegy, 2015). Eher fühlte man sich zuweilen an Documenta-Ausstellungen erinnert. So waren die Muranoglasmarionetten Wael Shawkys (Cabaret Crusades: The Secrets of Karbala, 2014) eine Weiterführung seiner dort gezeigten beeindruckenden Kreuzzüge-Filmtrilogie. Ein anderer Documentakünstler, Kader Attia, präsentierte eine neue Installation. Die leeren Museumsvitrinen mit zerbrochenen Scheiben (Arab Spring, 2014) waren eine der gar nicht so raren politischen Arbeiten auf der Messe.

art unlimitedAbb. 2

Als die Vitrinen am ersten Previewnachmittag in einer Performance durch den Künstler eingeschlagen wurden, waren die berstenden Scheiben der Schaukästen nicht nur ein Reenactment der Plünderung des Ägyptischen Museums in Kairo, sie boten auch einen beträchtlichen Showeffekt. Auch als Performance-Relikte funktionierten sie gut, wenn nicht besser. Doch gab es daneben Arbeiten, die wohl hier – und nur hier – ihren perfekten Ort und ihr ideales Publikum fanden: money talks. Immer wieder sah man während des Rundgangs durch die Halle an den weissen Wänden kleine Schilder, die wie gross geratene Kreditkarten aussahen. Worldebt des amerikanischen Konzeptkünstlers John Knight ist eine kommemorative Edition anlässlich der beide im Jahr 1944 gegründeten Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF). Geneigte Interessenten konnten die Karten mit Informationen zu den (damals) 165 Schuldner-Ländern erwerben. Zentrale Informationen, die, so versprach ein Text zur Arbeit, «den Lifestyle ermöglichen, den wir alle anstreben». Die Arbeit entstand bereits 1994, aber wirkt aktueller denn je. Es liegt nahe, die während des Rundgangs immer wieder auftauchenden Karten als Symbol des Flows des Kapitals zu lesen, der den Kunstmarkt so stark wie nie dominiert.
  Lifestyle und Kapital waren auch Themen von Anna Gaskells Film über Sarah Morris. Echo Morris (2014) folgt der amerikanischen Künstlerin bei der Arbeit im Studio, beim Styling für ein Fotoshooting in ihrer Wohnung, beim Drehen eines Films oder bei einer Ausstellungseröffnung und dem anschliessenden Dinner. So weit, so konventionell. Aber was Gaskells Film faszinierend macht, ist sein ultraglamouröser Stil. Es ist eine Welt von exquisitem Dekor und makelloser Inszenierung. Die Künstlerin selbst erscheint als coole, perfekt gestylte, lächelnde oder toughe, in allen sozialen Environments souverän agierende globale Playerin. Die Glätte, die Fokussierung auf einzelne Details wie die Adressdatei der Künstlerin und der Synthpop-Soundtrack (des Labels Italians Do it Better) der Arbeit sind auch eine Aneignung von Morris’ Filmsprache und Thematik. Gaskells Künstlerporträt hat nichts gemeinsam mit konventionellen Künstlerporträts, die Künstler gerne als eher weltfremde Exoten romantisieren. Viel eher gleicht Morris einer der potenziellen (idealen) Käuferinnen ihrer Werke, und die high production values mit spektakulären Kamerafahrten über die Häuserschluchten Manhattans würden manchen Hollywoodfilm aufwerten.
  Neben dieser Sarah-Morris-Superstar-Arbeit fiel deren eigener Film aus dem gleichen Jahr leicht ab. Strange Magic (2014) entstand als Auftragsarbeit anlässlich der Eröffnung von Bernard Arnaults neuem Museum im Bois de Boulogne. Der Film ist ein Porträt des Orts, des Bauprozesses der neuen Fondation Louis Vuitton sowie ihres Architekten Frank Gehry. Ebenso dokumentiert der Film den Auftraggeber. Aus seinem Portfolio von Luxusmarken werden insbesondere die Parfums von Christian Dior gezeigt, deren Produktion von der Rosenernte bis zur Abfüllung und Abpackung in der Fabrik verfolgt wird. Der Film ist und zeigt eine Verschränkung von Kapital, Macht und Repräsentation, in der Faszination und Kritik ununterscheidbar werden. Die Bilder wurden dabei vom Beat der Musik (von Liam Gillick) angetrieben und verstärkt, ein Effekt, der in auffällig vielen Filmen eingesetzt wurde. So auch in Elizabeth Prices’ Video K (2015), das unweit davon zu sehen war. Durch die perfekte Bild-Synthpop-Synchronie fügten sich hier die heterogenen Bildelemente über Strumpfhosenherstellung, historische Aufnahmen der Sonne und von Sängerinnen und Sängern mit Informationstexten über professionelle Trauernde zu einem hypnotischen, pulsierenden Sog. (Post-)Industrielle Produktionsprozesse, aber auch Arbeitsbedingungen waren ebenso Thema zahlreicher weiterer Werke. Das Video des französisch-armenischen Künstlers Melik Ohanians dokumentiert in einer an mehreren Tagen gedrehten Kamerafahrt die Wohnquartiere der Arbeiter in Sharjah. Victor Burgins Office at Night (1986) über eine Sekretärin und ihren Chef bezieht sich auf Edward Hoppers gleichnamiges Gemälde. Die romantischen Träume von Wanderarbeitern sind das Thema von Liu Chuangs Love Story (2006–2014), das eine Auslage mit billigen Liebesromanen zeigt, die vor allem von Wanderarbeitern, die darin auch Kommentare und Mitteilungen hinterlassen, geliehen und gelesen werden.
  Ein wichtiger Teil der Unlimited ist immer auch die Präsentation bzw. Wiederentdeckung von älteren Positionen, nicht selten kurz nach grösseren Ausstellungen. Zu den weniger bekannten zählt die 1929 geborene Amerikanerin Marcia Hafif. Ihre wunderbare 106-teilige Arbeit An Extended Gray Scale (1973) ist eine Folge von 106 monochromen grauen Gemälden, die einen Verlauf von Weiss zu Schwarz zeigen. In diesem Messe-Kontext ungewöhnlich still und ernsthaft erschien auch Franz Erhart Walthers Wallformation Gelbmodellierung (1980/81). Walthers Stoffwand wirkte jedoch etwas deplatziert neben einer coolen, glitzernden Leinwand von John M Armleder.

art unlimitedAbb. 3

 

art unlimitedAbb. 4

Da prallten sehr unterschiedliche Auffassungen unmittelbar aufeinander. Ansonsten aber war dies eine eindrückliche Ecke in einer insgesamt sehr stimmigen, von Gianni Jetzer schon zum vierten Mal kuratierten Ausgabe. Eine inhaltliche Auseinandersetzung oder Wertung der Ausstellung als solche ist hingegen nur bedingt möglich. Die Galerien bewerben sich mit Projekten, aus denen eine Auswahl getroffen wird, sodass die kuratorische Ausgangslage im Kontext der Messe schwer vergleichbar ist. Was natürlich wiederum die Rolle der Kritikerin infrage stellt. Man kann konstatieren, dass anscheinend viele sehr gute Arbeiten eingereicht wurden. Oder beklagen, wie sehr der Markt die Kunst heute bestimmt, und dass eine traditionelle Kritik da obsolet geworden ist.[1] Das ist allerdings bekannt und als Klage in diesem Kontext etwas wohlfeil. Dies zumal, da die Aufbau- und Vermittlungsarbeit vieler Galerien zu schätzen ist, vor allem im Vergleich zu den Auktionshäusern und dem Sekundärmarkt, die neben einigen wenigen global agierenden Galerien die ganz grossen Gewinne einfahren. Man kann versuchen, das Gesehene einzuordnen (eigentlich unmöglich angesichts der Unüberblickbarkeit des globalen Kunstmarktes). Ein wenig fühlt man sich wie von Bismarck auf seiner rotierenden Schüssel, oder wie Sarah Morris und Monsieur Arnault, wenn sich Faszination und Kritik die Waage halten bzw. die Dokumentation bereits für sich spricht. Oder man freut sich einfach darüber, in welcher Verdichtung hier viele tolle (und einige belanglose) Werke zu sehen sind.
  Also zurück zum Rundgang. In der hinteren Ecke der Messehalle bot das brasilianische Kollektiv Opavivará! in Formosa Decelerator (2014) mit Hängematten und Tee zum Selbermischen Entschleunigung und Entspannung. Es war nicht die einzige Mitmachaktion. Auch David Shrigleys Life Model (2012) eines nackten comicartigen Kunststoffmannes lud zur Partizipation ein. Die Kinder (und manchmal auch Erwachsenen) bei ihrer Versunkenheit und Konzentration auf das Modell und die Staffelei vor ihnen zu betrachten entlockte noch dem routiniertesten Messegänger ein nostalgisches Lächeln – oder war zumindest ein weiteres Foto mit dem iPhone wert.
 

Art Unlimited
18. Juni – 21. Juni 2015 auf der Art Basel 2015
https://www.artbasel.com/basel/unlimited
 

Abb. 1
Julius von Bismarck, Egocentric system, 2015, Marlborough Fine Art
© Art Basel

Abb. 2
Kader Attia, Arab Spring, 2014, Galleria Continua
© Art Basel

Abb. 3
Marcia Hafif, An Extended Gray Scale, 1973, Fergus McCaffrey
© Art Basel

Abb. 4
Franz Erhard Walther, Wallformation Gelbmodellierung, 1980-81, Peter Freeman, Inc., Skopia P.-H. Jaccaud, Galerie Jocelyn Wolff
© Art Basel

[1] Man könnte auch eine soziologische Annäherung versuchen, vgl. Kunst und Kapital. Begegnungen auf der Art Basel, Hg. Christian Posthofen, Köln 2015.
 

Dora Imhof ist Kunsthistorikerin und Postdoc am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich.